Dr. Helene Rabanser: Interview mit einer Übersetzerin/Dolmetscherin

Helene Rabanser Dr. Helene Rabanser ist selbständige Dolmetscherin und Übersetzerin und hat sich in den Bereichen Medizin, Recht, Technik und Tourismus spezialisiert. Sie übersetzt Texte in deutscher, italienischer, englischer und russischer Sprache.

Sie ist Sachverständige des Landesgerichtes Bozen und Mitglied im Landesverband der Übersetzer der Provinz Bozen (I) und im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). Seit Abschluss ihres Studiums lebt sie mit ihrer Familie in Mailand, kommt aber immer wieder gerne nach Südtirol (I).]

Interview mit Dr. Helene Rabanser 

Karin Schroeck-Singh: Was gehört zu den Aufgabenbereichen einer Dolmetscherin bzw. Übersetzerin? 

Dr. Helene Rabanser: Die Arbeit des Dolmetschers/Übersetzers ist eine zielgerichtete sprachliche Tätigkeit. Dolmetschen ist die mündliche Übertragung eines gesprochenen Textes, Übersetzen hingegen die schriftliche Übertragung eines geschriebenen Textes. Dolmetscher/Übersetzer verfügen nicht nur über ausgezeichnete Kenntnisse in zwei oder mehr Sprachen, sondern sie verstehen es auch eine bestimmte Mitteilungsabsicht in der Zielsprache so zu vermitteln, dass die Botschaft des Autors/Redners in der beabsichtigen Weise verstanden wird. Dafür genügt es nicht, einfach ein Wort durch ein anderes zu ersetzen: Es müssen Mehrdeutigkeiten, besondere Assoziationen, die mit Wörtern und Redewendungen verbunden sind, sowie kommunikative Gewohnheiten innerhalb eines Sprecherkreises berücksichtigt werden. Es bedarf deshalb auch guter kultureller Hintergrundkenntnisse.

Karin Schroeck-Singh: Wie viele Jahre Arbeitserfahrung haben Sie in diesem Bereich mittlerweile gesammelt? 

Dr. Helene Rabanser: Mittlerweile kann ich auf 19 Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Ich habe 1996 mit ersten kleinen Aufträgen als Dolmetscherin begonnen, als ich noch in Mailand an der SSIT studierte.

Karin Schroeck-Singh: An welcher Art von Projekten arbeiten Sie und wer gehört zu Ihren Kunden? 

Dr. Helene Rabanser: Zu meinem Kundenkreis gehören vor allem Firmen, öffentliche Einrichtungen, Privatpersonen, Übersetzungsagenturen und manchmal auch Studenten. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war ich auf zahlreichen Messen als Dolmetscherin im Einsatz, hierbei ging es vor allem um Technik und Maschinenbau. Als Übersetzerin befasse ich mich heute vorwiegend mit Texten aus den Bereichen Medizin und Pharmazeutik, erneuerbare Energien, Maschinenbau, Recht und Tourismus.

Karin Schroeck-Singh: Gab es in Ihrer beruflichen Laufbahn mehr Gelegenheiten zum Übersetzen oder Dolmetschen?

Dr. Helene Rabanser: Wenn ich so überlege, glaube ich insgesamt mehr übersetzt als gedolmetscht zu haben. Ich habe meine berufliche Laufbahn 1996 als Dolmetscherin begonnen. Seit 2005, als das erste meiner drei Kinder auf die Welt kam, bin ich ausschließlich als Übersetzerin tätig.

Karin Schroeck-Singh: Was sind die Ausbildungsmöglichkeiten eines Dolmetschers/Übersetzers heutzutage? Würden Sie jemandem eine Ausbildung im In- oderAusland empfehlen und warum? 

Dr. Helene Rabanser: Es gibt sowohl im Inland als auch im Ausland verschiedene gute Ausbildungsmöglichkeiten, die spezifisch auf diesen Beruf vorbereiten. Ich selbst habe an der SSIT (Scuola Superiore per Interpreti e Traduttori) in Mailand studiert und mich mehrere Male über längere Zeiträume in England und Russland aufgehalten, um ein besseres Sprachgefühl zu bekommen. Ich kann diese Hochschule empfehlen und auch die Stadt Mailand hat vieles zu bieten, wenn man das Großstadtleben liebt. Schlussendlich muss aber jeder selbst entscheiden, wo er studieren möchte, denn es gibt verschiedene Aspekte zu berücksichtigen nicht zuletzt den finanziellen Aspekt.

Helene Rabanser Karin Schroeck-Singh: Was hat Sie dazu bewogen sich auf Russisch zu spezialisieren? Inwieweit hatten Sie in Südtirol bisher die Gelegenheit in dieser Sprache Ihre erlernten Kenntnisse anzuwenden? 

Dr. Helene Rabanser: Nach Abschluss der Oberschule hatte ich einfach Lust auf etwas ganz Neues. Als es hieß sich zwischen Spanisch oder Russisch zu entscheiden, fiel meine Wahl spontan auf Russisch. Ich muss leider sagen, dass ich die russische Sprache im meinem Berufsleben eigentlich relativ wenig verwendet habe und wenn, dann vor allem in der Tourismusbranche. Hier wird meistens die Übersetzung von Internetseiten von Hotels ins Russische verlangt.

Karin Schroeck-Singh: Gerüchten zufolge soll “Chinesisch” in einigen Jahren die neue Weltsprache werden. Nehmen wir an Sie wären jetzt 20 Jahre alt. Würden Sie sich trotzdem wieder für die russische Sprache entscheiden oder würden Sie Chinesisch in Betracht ziehen? 

Dr. Helene Rabanser: Es könnte durchaus sein, dass ich mich heute für Chinesisch entscheiden würde. China ist wirtschaftlich gesehen eine Weltmacht und ich glaube ich hätte viele Möglichkeiten meine Sprachkenntnisse in verschiedenen Bereichen einzusetzen. Das heißt natürlich nicht, dass ich es bereue Russisch studiert zu haben.

Karin Schroeck-Singh: Was war das Wichtigste, das Sie während Ihrer Ausbildung gelernt haben, das Sie später in Ihrer beruflichen Laufbahn besonders geschätzt haben? 

Dr. Helene Rabanser: Das Wichtigste, was ich während der Ausbildung gelernt habe, waren die Grundlagen wie man den Beruf des Dolmetschers/des Übersetzers ausübt, d.h. wie geht man an eine Übersetzung heran bzw. die Erlernung des Simultan- und Konsekutivdolmetschens. Alles andere kam dann durch konkrete Erfahrungen in der Berufswelt.

Karin Schroeck-Singh: Was sind die Voraussetzungen um den Beruf des Übersetzers/Dolmetschers erfolgreich auszuüben? 

Dr. Helene Rabanser: Zu aller erst bedarf es einer spezifischen Ausbildung, ebenso dazu gehören ausgezeichnete, nach Möglichkeit im Ausland erworbene, Sprach- und Kulturkenntnisse, ein breites Allgemeinwissen, spezifische Fachkenntnisse, Ausdauer aber auch Kreativität, Wortgewandtheit und Diskretion.

Helene Rabanser Karin Schroeck-Singh: Was betrachten Sie als die positive Seiten dieses Jobs? 

Dr. Helene Rabanser: Was ich persönlich als sehr positiv an meinem Job finde ist die individuelle Zeitplanung. Ich muss mich nicht an geregelte Arbeitszeiten halten und kann somit arbeiten wann, wo und wie lange ich will. Ich finde das enorm vorteilhaft, weil an manchen Tagen das Übersetzen einfach nicht klappt, es fehlen einem irgendwie die richtigen Worte und die Arbeit schreitet nicht voran. In solchen Situationen schalte ich dann den PC ab und wende mich anderen Dingen zu. Einige Zeit später versuche ich es dann nochmal und dann funktioniert es meistens besser, sodass ich sogar schneller ans Ziel komme als erwartet.

Als positiv empfinde ich ferner die Möglichkeit mir die Aufträge selbst aussuchen zu können. Es kommen manchmal Übersetzungsanfragen sehr schwieriger Texte, für die es sehr spezifische Fachkenntnisse bedarf oder die innerhalb kürzester Zeit übersetzt werden sollen. In solchen Fällen kann ich den Auftrag einfach ablehnen.

Ebenso positiv ist die Tatsache, dass man unter Umständen die Möglichkeit hat die Welt zu bereisen.

Karin Schroeck-Singh: Was betrachten Sie als die negativen Seiten dieser Tätigkeit? 

Dr. Helene Rabanser: Als besonders negativ finde ich den Kampf um den Preis. Eine von einem ausgebildeten Übersetzer professionell angefertigte Übersetzung hat nun Mal ihren Preis. Viele Kunden verstehen das leider nicht und versuchen soweit es geht zu sparen und geraten da häufig an inkompetente Übersetzer die Billigware anbieten und dadurch den Markt ruinieren.

Ein weiterer negativer Aspekt meines Berufs ist der Zeitdruck. Es gibt leider immer wieder Kunden, die eine Übersetzung von jetzt auf gleich haben wollen und dabei nicht bedenken, dass der Übersetzer den Text nicht nur so aus dem Ärmel zu schütteln hat. Wenn man daher nicht ein gutes Maß an Ausdauer am PC hat, platzt so mancher Auftrag….

Karin Schroeck-Singh: Was sind die durchschnittlichen Verdienstmöglichkeiten für diesen Beruf in Südtirol? 

Dr. Helene Rabanser: Die Situation ist zurzeit auch für uns Übersetzer nicht gerade rosig. Ausschlaggebend ist immer der Preis, Ausbildung und Kompetenz reichen nicht immer aus, um einen Kunden an sich zu binden. Aus Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass die Verdienstmöglichkeiten zum Teil auch davon abhängen, mit welchem Kunden man es zu tun hat. Kleinunternehmen und Privatpersonen lassen sich beraten und sind viel öfter bereit für einen Auftrag auch etwas mehr auszugeben. Es gilt daher gut zu argumentieren und den Kunden zu überzeugen, dass er sein Geld bei einem Übersetzer gut investiert!

Helene Rabanser Karin Schroeck-Singh: Welche 5 Tipps würden Sie einer Person geben, die den Beruf des Dolmetschers/Übersetzers ergreifen möchte? 

Dr. Helene Rabanser:

– gute Ausbildung

– regelmäßige Auslandsaufenthalte, um die Sprachkenntnisse beizubehalten

– Aufträge immer schriftlich vereinbaren, damit man im Notfall etwas in der Hand hat

– eigene Grenzen erkennen, auch wenn dies weniger Einkommen bedeutet

– lesen (alles was es gibt!)

Karin Schroeck-Singh: Glauben Sie, dass in Zukunft aufgrund technologischer Fortschritte der Job des Übersetzers bzw. Dolmetschers überflüssig sein wird? Es gibt ja bereits Software Programme bzw. Apps, die das Übersetzen wesentlich erleichtern. Wird Ihrer Meinung nach ein Softwareprogramm jemals so fortgeschritten sein, dass es qualitativ gesehen keinen Unterschied zu einer menschlichen Übersetzung geben wird? 

Dr. Helene Rabanser: Meiner Ansicht nach wird vermutlich noch geraume Zeit vergehen, bevor solche Programme einen Übersetzer oder Dolmetscher wirklich ersetzen können. Das werde ich wohl nicht mehr erleben! Diejenigen, die es heute gibt sind von geringem Nutzen und man sollte lieber Abstand davon halten.

Karin Schroeck-Singh: Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten für diesen Beruf in Südtirol? 

Dr. Helene Rabanser: Trotz der in Südtirol existierenden Zweisprachigkeit, aufgrund welcher viele meinen auf einen Dolmetscher oder Übersetzer verzichten zu können, glaube ich, dass es nach wie vor Chancen gibt diesen Beruf erfolgreich auszuüben und jeder die Möglichkeit hat in einer oder anderen Branche seinen Weg bzw. seinen Kundenkreis zu finden.

Karin Schroeck-Singh: Gibt es eine besonders erinnerungswürdige (positive oder negative) Episode aus Ihrer beruflichen Laufbahn, die Sie gerne den Lesern mitteilen möchten? 

Dr. Helene Rabanser: Vor etwa zehn Jahren habe ich die Gelegenheit gehabt einen Kunden auf eine Geschäftsreise nach Taiwan zu begleiten. Es war eine ganz tolle Erfahrung für mich, an die ich immer wieder gerne zurückdenke.

Helene Rabanser Karin Schroeck-Singh: Nehmen wir an man würde Sie bei der Auswahl eines Dolmetschers/Übersetzers (in einem Vorstellungsgespräch) zu Rate ziehen. Ein Test um die Übersetzungs- bzw. Sprachkenntnisse festzustellen, hat bereits schon stattgefunden. Nun geht es darum 5 fachspezifischen Fragen an den Bewerber zu stellen um den besten Kandidaten zu ermitteln. Was wären Ihre 5 Fragen?

Dr. Helene Rabanser: – Haben Sie solide Nerven und können Sie gut mit unvorhergesehenen Situationen umgehen?

– Sind Sie diskret und können Sie sich selbst in den Hintergrund stellen?

– Können Sie sich auch bei schlechten Arbeitsbedingungen (z. B. lautes Umfeld) gut konzentrieren?

– Wie steht es um Ihre positive Neugier und Weltaufgeschlossenheit?

– Sind Sie anpassungsfähig, gewissenhaft und belastbar?

Karin Schroeck-Singh: Vielen herzlichen Dank Frau Dr. Rabanser für Ihre wertvolle Zeit und Ihre interessanten Einblicke in Ihren Beruf.

 

 

 

 

Author: Karin Schroeck-Singh

Karin Schroeck-Singh is a trilingual Career Optimizer at www.Careerheads.com. She has an MBA from the University of Leicester (UK) and gained 20 years of international work experience in various industries in Italy, the UK and India. Her passion lies in creating multilingual, high-quality content in career matters, giving highly engaging public speeches and helping job seekers to optimize their career by providing professional coaching. She is the author of several ebooks, among them “44 Tips for a successful Video Interview” (http://careerheads.com/product/ebook-44-tips-for-a-successful-video-interview/). She has written several career and business articles for international HR and Marketing companies. Her favourite motto is “Learn from anyone, anywhere, anytime!” Follow her on Twitter @CareerHeads.

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