Mirko Udovich: Interview mit einem Personalberater

 
Mirko UdovichMirko Udovich ist Gründer (1989) und seither geschäftsführender Gesellschafter von Staff & Line Personnel Management. Er studierte an den Universitäten Padua und Verona Psychologie und Pädagogik. Während des Studiums und auch später unterrichtete er an Mittelschulen in Südtirol literarische Fächer, dann führte seine berufliche Station in einen internationalen Industriekonzern. Durch seine Job-Rotation konnte er Einblick in alle Abteilungen gewinnen, schließlich entschied er sich für das Personalwesen. Nach seiner 10-jährigen internationalen Konzernerfahrung übernahm er den Aufbau und die Leitung der Personalberatung Staff & Line. Hier betreut er Unternehmen in allen Fragen des Human Resource Management mit den Schwerpunkten Executive Search und Beurteilung von Führungskräften. Mirko Udovich ist Mitglied beim AIDP (Associazione Italiana dei Direttori del Personale), Mitglied bei TIS Experts, Aufsichtsrat in mehreren Sportvereinen in Südtirol und Kolumnist bei Südtirols Wirtschaftskurrier “WIKU”. 
Karin Schroeck-Singh: Herr Dr. Udovich, was gehört zu den Aufgabenbereichen eines Personalberaters, eines sogenannten „Talent Acquisition Managers“?  
Dr. Mirko Udovich: Vor allem das kontinuierliche Pflegen von Beziehungen zu potenziellen Kandidaten, welche bei einer freiwerdenden Stelle aktiv angesprochen werden können. Wenn wir schon im Vorfeld eine Beziehung zu Talenten aufgebaut haben, wird es uns leichter fallen eine frei werdende Stelle zeitnah zu besetzen. Die Zeit zur Besetzung einer Vakanz kann aus unserer Erfahrung somit um bis zu 50% reduziert werden. 
Karin Schroeck-Singh: Weche sind die Voraussetzungen um den Beruf des Personalberaters erfolgreich auszuüben (unabhängig davon, ob man ein firmeninterner Personalrekruiter ist oder ein Personalvermittler, der Unternehmen mit Bewerbern miteinander vermittelt)?  
Dr. Mirko Udovich: Neben fachlicher Kompetenz und Branchenkenntnis wird von qualifizierten Personalern eine hohe soziale Kompetenz erwartet. Dazu braucht man ganz sicher ein hohes Maß an Interesse an Menschen, denn man muss Freude daran haben, zu ergründen, was eine Person antreibt. Dazu gehört die Fähigkeit, gut zuhören zu können. Und am Ende kommt es natürlich vor allem auf das persönliche Urteilsvermögen an. 
Karin Schroeck-Singh: Sind Sie der Meinung, dass ein guter Personalberater auch in gewissem Masse ein guter Vermarkter sein muss?  
Dr. Mirko Udovich: In einem gewissen Maße, ja.  
Karin Schroeck-Singh: Was betrachten Sie heutzutage als die besten Ausbildungsmöglichkeiten für diesen Beruf? Würden Sie jemandem ein Studium der Psychologie oder der Betriebswirtschaft (Schwerpunkt Personalmanagement) nahelegen oder einfach „learning by doing? Im Ausland oder Inland und warum?  
Dr. Mirko Udovich: Die Ausbildung zum Personaler erfolgt in der Regel durch ein Studium. Es existieren mittlerweile zahlreiche Möglichkeiten, ein spezielles Personalmanagement Studium zu absolvieren. Man kann sich aber auch qualifizieren, indem man BWL mit entsprechender Vertiefung im Personalmanagement studiert. Auch mit einem Studium der Psychologie oder der Sozialwissenschaften kann der Einstieg in die HR-Welt gelingen 
Bevor jemand ein professioneller Personalberater werden kann, empfehle ich mindestens zehn Jahre im HR-Bereich gearbeitet zu haben. Man muss Unternehmensorganisationen, ungeschriebene Gesetze, Ellenbogen-Mentalitäten kennen gelernt haben. Man kann nicht Betriebe beraten, wenn man nicht selbst Jahre lang in einem oder mehreren Betrieben gearbeitet hat und eine Führungsfunktion inne gehabt hat.
Karin Schroeck-Singh: Was war das Wichtigste, das Sie während Ihres Studiums der Psychologie und dagogik gelernt haben, das Sie später bei der Ausübung Ihrer Tätigkeit im Personalbereich besonders geschätzt haben?  
Dr. Mirko Udovich: Ich habe mein Studium stark in den Fachbereich der Arbeits– und Organisationspsychologie ausgerichtet. Dabei konzentrierte ich mich in erster Linie mit Fragen rund um die Personalbeschaffung, –führung und förderung. Bei der Ausübung meiner Tätigkeit kommt mir die Kompetenz zur Analyse des Personalbedarfs sicher zu gute. Gleichermaßen vermittelte mir das Studium die Fertigkeit, den Arbeitsmarkt zu analysieren und potenzielle Arbeitnehmer gezielt anzusprechen. Besonders bei Vorstellungsgesprächen kommt das psychologische Fachwissen zum Einsatz. 
 
Karin Schroeck-Singh: Was betrachten Sie als die positiven Seiten dieses Jobs?  
Dr. Mirko Udovich: Ich liebe meinen Job und führe ihn mit viel Freude und intensiver Leidenschaft aus, täglich. 
 
Karin Schroeck-Singh: Was betrachten Sie als die negativen Seiten dieses Berufes?  
Dr. Mirko Udovich: Negative Seiten sehe ich keine 
Karin Schroeck-Singh: Gibt es eine besonders erinnerungswürdige (positive oder negative) Episode aus Ihrer beruflichen Laufbahn, die Sie gerne den Lesern mitteilen möchten?  
Dr. Mirko Udovich: Da fällt mir der Anruf eines Unternehmers ein, dem ich eine gute Führungskraft abgeworben hatte. Ich muss zugeben, ich war über seinen Anruf überrascht und erwartete mir, dass er mit seinen Beschimpfungen loslegen würde. Doch er war sehr ruhig und sagte zu mir: “Ich weiß, dass Sie mir Herrnabgeworben haben. Wenn Sie schon so gut sind, mir den besten Mann wegzunehmen, dann sind Sie sicher auch gut mir einen mindest gleichwertigen Ersatz zu beschaffen. Sie wissen ja bereits welches Profil ich brauche. Das war die kurioseste Kontaktaufnahme eines neuen Kunden. 
 
Karin Schroeck-Singh: Was sind die durchschnittlichen Verdienstmöglichkeiten für diesen Beruf in einer Südtiroler Personalagentur Hier in England z.B. wird für einen Berufseinsteiger ein fixes Anfangsjahresbruttogehalt von 18.000 – 20.000 £ (25.000 – 27.500 Euro) bezahlt mit sehr attraktiven, leistungsbezogenen Prämien wenn vorgesetzte Ziele erreicht bzw. übertroffen werden. Wie sind die Gehälter in Südtirol im Vergleich dazu 
Dr. Mirko Udovich: Dies ist mit Südtirol vergleichbar. 
Karin Schroeck-Singh: Welche Methoden des Vorstellungsgespräches verwenden Sie um Ihren Kunden den richtigen Kandidaten vorzustellen 
Dr. Mirko Udovich: Das strukturierte Interview. Mit der Strukturierung eines Interviews wächst die Qualität des Gespräches und somit auch die Voraussagbarkeit über die Auswahl des geeigneten Kandidaten und sein späterer Erfolg in der Tätigkeit. Diese strukturierte Vorgehensweise können üblicherweise nur Personalexperten durchführen 
Genauer gesagt führe ich ein teilstrukturiertes Interview. Vollstrukturierte Gespräche kommen heutzutage nur noch selten vor oder werden von Anfängern, Nichtexperten oder Möchtegernpersonalern geführt. Bei einem vollstrukturierten Interview wird ein vorher festgelegter Fragenkatalog systematisch abgearbeit. 
Das teilstrukturierte Interview unterscheidet sich vom vollstrukturierten Interview dadurch, dass es aus ein bis drei unstrukturierten Abschnitten besteht . Dort gibt es Platz für offene und freie Fragen, die zum Teil nicht bewertet werden. Diese Abwechslung aus struktrurierten und freien Fragen macht das teilstrukturierte Interview sowohl für die Interviewenden als auch für die Bewerbenden sehr angenehm und führt zu einer hohen Akzeptanz bei Kandidaten. 
Karin Schroeck-Singh: Welche 5 Tipps würden Sie einer Person geben, die den Beruf des Personalberaters ergreifen möchte?  
Dr. Mirko Udovich: Liebe im Umgang mit Menschen, Leidenschft für die Tätigkeit, gute Menschenkenntnis, Kommunikationsstärke, Geduld und Belastbarkeit
 
 
Karin Schroeck-Singh: Wie sehen Sie die Zukunftsaussichten für diesen Job in Südtirol?  
Dr. Mirko Udovich: Personalberater wird es immer brauchen. 
Karin Schroeck-Singh: Nehmen wir an Sie suchen einen weiteren Personalberater für Ihr Unternehmen ‚Staff & Line‘. Welche fünf berufsspezifischen Fragen würden Sie dem Bewerber stellen um den besten Kandidaten zu ermitteln?  
Dr. Mirko Udovich: Er/Sie muss ein entsprechendes Studium mitbringen und bereits in einem Personalbüro bearbeitet haben. Der Rest ergibt sich im strukturierten Interview. 
Karin Schroeck-Singh: Mir gefiel die Aussage auf Ihrer Webseite „Wir suchen und finden nicht jeweils einen „Besten“, sondern finden den „Richtigen“. Sie haben bereits vor 25 Jahren Ihre Personal- und Managementberatungsfirma „Staff & Line“ in Kaltern gegründet. Welche Änderungen auf dem Südtiroler Arbeitsmarkt können Sie heutzutage feststellen? Ist es für Südtiroler Unternehmen schwieriger geworden die „richtigen“ Kandidaten zu finden? Wenn ja, inwieweit? (Können Sie bitte ein Beispiel nennen).  
Dr. Mirko Udovich: Als ich vor etwas über 25 Jahren, also gegen Ende der 80er Jahre in der Personalberatung begann tätig zu werden, war die Vorgangsweise recht einfach. Eine gute Führungskraft erhielt damals oft mehrere Jobangebote, manchmal sogar mehrere gleichzeitig. Wenn das Angebot interessant war, unterzeichnete der Manager den neuen Arbeitsvertrag und reichte dann seine Kündigung ein. Wenn das Unternehmen kein attraktives Gegenangebot unterbreitete, stürzte man sich in den neuen Job. Man wechselte den Job mit einer gewissen Leichtigkeit, manchmal vielleicht auch etwas voreilig oder blauäugig 
Heute hat sich alles geändert. Leider gibt es italienweit aber in der Zwischenzeit auch in Südtirol eine recht hohe Zahl an arbeitslosen Managern, oft auch unverschuldet, weil das Unternehmen seine Tätigkeit eingestellt hat, infolge von Personalreduzierung oder Schließung von Filialen oder Tochterfirmen. 
Wie soll die Führungskraft heute vorgehen? Anders als früher. Der klassische Lebenslauf muss interessant und attraktiv gestaltet werden, mit einem professionellen Foto, mit einer übersichtlichen Auflistung der letzten Tätigkeiten, Kompetenzen und Erfolge. Zur Zeit sind Mitarbeiter aus der IT-Branche sehr gefragt. Hier besteht seitens vieler Unternehmen in Südtirol ein hoher Bedarf an gut ausgebildeten Mitarbeitern. 
  
Karin Schroeck-Singh: Sie sind Mitglied der AIDP (Associazione Italiana dei Direttori del Personale). Was sind die Voraussetzungen, die Mitgliedsgebühren und die Vorteile einer solchen Mitgliedschaft?  
Dr. Mirko Udovich: AIDP (Associazione Italiana per la Direzione del Personale) ist der Wirtschafts– und Berufsverband der Personalleiter und Personalberater in Italien. Der Verband ist auch Mitglied der EAPM, WFPMA, FMRH und Global Compact der Vereinten Nationen. Man muss im Personalmanagement tätig sein. Selbstverständlich muss man das Statut und den ethischen Kodex akzeptieren. Zur Zeit sind wir zirka 3000 Mitglieder und somit die größte Vereinigung der HR-Manager in Italien. Es werden jährlich über 200 Events, Kongresse und Vorträge organisiert und abgehalten. Der Jahresbeitrag beträgt € 140, für junge HR-Manager ist ein günstigerer Jahresbeitrag zu leisten, € 105. 
Karin Schroeck-Singh: Es ist gut zu wissen, dass auch in Südtirol Firmen die Zeichen der Zeit erkennen und ihre eigenen hausinternen Social Media & Community Manager haben. In Ihrer Firma hat Frau Marion Gaiser diese Aufgabe übernommen. Welche positiven bzw. negativen Erfahrungen hatten Sie bisher mit Social Media Rekruitment? Gibt es ein soziales Netzwerk, das sich für Ihr Unternehmen als besonders wirksam erwiesen hat?  
Dr. Mirko Udovich: Es ist meines Erachtens unerlässlich sich in den sozialen Medien zu bewegen, allen voran Facebook. Für Managementpositionen eignen sich vor allem Linkedin und Xing sehr gut. Hier tritt man recht unkompliziert mit potenziellen Kandidaten in Kontakt, die es auch schätzen kontaktiert zu werden. 
Karin Schroeck-Singh: Die Personalsuche via Social Media ist doch so viel schneller, günstiger, wirksamer und interaktiver als die kostspieligen Anzeigen in lokalen Zeitschriften. Glauben Sie, dass in Zukunft die Personalsuche in Südtirol ausschliesslich über verschiedene Social Media Webseiten (z.B. Twitter, Facebook, Linkedin, Xing, usw.) bzw. Online Jobbörsen erfolgen wird?  
Dr. Mirko Udovich: Ob die Printmedien komplett verschwinden werden, mag ich zu bezweifeln. Zur Zeit haben Online-Jobbörsen einen Aufschwung. Es sprießen andauernd neue auf dem Markt. Dies macht es aber unübersichtlich. Weder Firmen noch Kandidaten haben Zeit und Lust parallel auf Dutzenden von Portalen zu suchen bzw. zu finden 
Karin Schroeck-Singh: Viele Unternehmen im Ausland verlassen sich mittlerweile auf diverse Softwareprogramme für Ihre Personalsuche und Personalauswahl. Lebensläufe werden z.B. nicht zuerst von einem Menschen bearbeitet, sondern zuerst von einer Computersoftware analysiert (bei dem nach bestimmten Schlagworten in einem Lebenslauf gesucht wird). Weiters werden die Kenntnisse eines Kandidaten mittels Computertest analysiert (z.B. Sprachkenntnisse, Computerkenntnisse, usw.). Hat man diese anfänglichen Tests bestanden, wird man zu einem virtuellen Vorstellungsgespräch eingeladen. Gelingt es einem Bewerber dann den Personalmanager auch mittels Video zu beeindrucken, wird man schlussendlich zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen.  
Das mag für viele SüdtirolerInnen vielleicht etwas übertrieben klingen, ist jedoch in vielen Unternehmen im Ausland, die mit Hunderten oder sogar tausenden Bewerbungen bombardiert werden, gang und gäbe, da viele Betriebe Ihre Angestellten auf schnellere, effizientere und bessere Weise finden möchten. Glauben Sie es ist nur eine Frage der Zeit, dass es auch in Südtirol zu einer solchen Vorgehensweise kommt? 
Dr. Mirko Udovich: Bestimmte Gruppen sind mit dem E-Recruiting nicht erreichbar. Sucht ein Unternehmen Führungskräfte für das obere Management, sollte es lieber auf einen Headhunter zurückgreifen. Denn diese Zielgruppe wird man über E-Recruiting nicht erreichen. 
Die Selektion mittels Software hat auch seine Vorteile, zu einem Nachteil gehört die Unpersönlichkeit des Bewerbungsverfahrens: Sowohl erfahrene Personalverantwortliche als auch Bewerber beklagen die Unpersönlichkeit von E-Recruiting-Prozessen. Der Kontakt von Mensch zu Mensch geht zunehmend verloren. 
Durch eine höhere Präsenz von Stellenanzeigen im Internet, aufgrund der Reichweite sowie eines einfacheren Zugangs ist für die Unternehmen mit einer größeren Anzahl von Bewerbungen zu rechnen. Diese Bewerberflut erhöht einerseits die Auswahlmöglichkeiten, andererseits hat das Unternehmen mit einem höheren Zeitaufwand zu rechnen, da sehr viele CVs gesichtet werden müssen und viele davon trotzdem nicht zum gesuchten Profil passen bzw. wie auch meine Erfahrung zeigt, viele unvollständige und oberflächlichere Bewerbungsdaten eintreffen 
 

Karin Schroeck-Singh: Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre wertvolle Zeit und die tollen Einsichten in Ihren Beruf Herr Dr. Udovich. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg

Author: Karin Schroeck-Singh

Karin Schroeck-Singh is a trilingual Career Optimizer at www.Careerheads.com. She has an MBA from the University of Leicester (UK) and gained 20 years of international work experience in various industries in Italy, the UK and India. Her passion lies in creating multilingual, high-quality content in career matters, giving highly engaging public speeches and helping job seekers to optimize their career by providing professional coaching. She is the author of several ebooks, among them “44 Tips for a successful Video Interview” (http://careerheads.com/product/ebook-44-tips-for-a-successful-video-interview/). She has written several career and business articles for international HR and Marketing companies. Her favourite motto is “Learn from anyone, anywhere, anytime!” Follow her on Twitter @CareerHeads.

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